Honda Fireblade: Zu viel Motorrad für den Alltag?
Nee, nee, richtig wohl fühlt sie sich nicht in dieser Gesellschaft. Die dicken Reisedampfer von Christoph und Wolfgang vor der schnittigen Nase; die schlanke, aber kurzatmige Straßen-Enduro von Dirk und Giselas Asphalt-Allzweckwaffe im Schlepptau – so richtig warm wird die scharfe Feuerklinge nicht mit ihnen.
Das ist durchaus wörtlich zu nehmen. Bei dieser Gruppenreise Richtung Franken wird streng auf die Straßenverkehrsordnung geachtet. Dabei leidet die rollende Rasierklinge an Dauer-Unterforderung. Drehzahlen jenseits der 6000er-Marke, dort wo das Aufwärmtraining für Sportler beginnt, sind in der Kolonne gar nicht machbar. Gequält steigt der Pilot nach den 500-Kilometer-Tagesetappen von seinem Renngerät.
Es sind in erster Linie die Handgelenke, die eine Behandlung vertragen könnten. Der Allerwerteste wird auf der dünnen Schaumstoffunterlage zwar nicht gerade verwöhnt, kann sich mit den beengten Verhältnissen aber arrangieren. Gleiches gilt für die Beine, sie sind nicht übertrieben angewinkelt, freuen sich über einen engen Knieschluss.
Ein Supersportler wie die neue Honda Fireblade ist kein Ruhekissen. Sie ist ein Rennmotorrad mit Straßenzulassung. Wer keinen Rundkurs vor der Haustür hat, muss zwangsläufig auf der Hausstrecke die Angstnippel an den Fußrasten schleifen lassen. Aber bei einer Wochenendtour mit dem Motorradstammtisch, da zweifelt das Sportlerherz: Ist die Fireblade wirklich die Richtige für mich?
Honda hat alles getan, um die Klinge noch schärfer zu machen. Steht die Brause offen, geht die Sportlerin quer durchs Drehzahlband wie das warme Messer durch die Butter. Beeindruckend. Dabei haben die Motor-Experten eine Menge Gehirnschmalz darauf verwendet, dass die 180 PS ihren Reiter nicht abwerfen. Es ist den Ingenieuren perfekt gelungen. Die elektronische Abstimmung macht‘s möglich. Grobmotoriker sind beim vollen Beschleunigen vor ungeplanten Ausflügen in die Botanik ganz gut geschützt. Untenrum gibt sich die Honda zurückhaltend. Für die richtigen Freaks fühlt es sich schon fast etwas zu zugeknöpft an. Hat die Drehzahlmessernadel den halben Weg nach oben geschafft, kribbelt es kurzzeitig, dafür aber heftig in den Lenkerenden. Es folgt ein gnadenloser Tritt ins Kreuz, der alle Zweifel an den Leistungsangaben im Prospekt vergessen lässt. Die Fireblade ist nahe dran am Verhältnis von einem PS pro Kilogramm Motorradgewicht. Verbesserungswürdig ist allerdings die Gasannahme, die gestaltet sich reichlich ruppig.
Wahnsinnig elastisch ist das neue Triebwerk nicht. In der Kolonne Richtung Bamberg hat der Schaltfuß gut zu tun. Er hat nicht die geringste Schuld daran, wenn es im Gebälk kräftig kracht. Gerade in den beiden unteren Gängen macht die Schaltbox durch lautstarke Unmutsbekundungen auf sich aufmerksam. Erstmals hat Honda seinem Vorzeigerenner eine Anti-Hopping-Kupplung spendiert.
Die Bremsen sind im normalen Straßenverkehr über jeden Zweifel erhaben. Ein wunderbar knackiger Druckpunkt und eine Schärfe, die der des Motors in nichts nachsteht. ABS ist für solche Rennbrötchen noch ein Fremdwort. Honda soll aber für die nächste Generation schon einen Bremsassistenten im Köcher haben. Der kurze Auspuff lässt den Vierzylinder heiser röcheln, gerade so, wie es der Sportler gerne hat. Der rechte Fuß ist außerdem vor Rheuma sicher. Die Krümmer geben artig etwas von ihrer Hitze ab.